Commentary: German politics (German), Sarrazin schafft Deutschland ab

Sarrazin schafft Deutschland ab, weil er Deutschland spaltet. Vor allem spaltet er Deutschlands stetig wachsende Unterschicht in genetisch unterbelichtete, schmarotzende, lernfaule und deutschlandfeindliche Muslime und Nichtmuslime. Ist nun die nichtmuslimische Unterschicht Deutschlands viel klüger, produktiver, lernbegieriger und deutschlandfreundlicher als die muslimische? Sicherlich nicht.

Ein Land wie Deutschland, das unter chronisch niedriger Geburtenrate leidet, kann es sich nicht erlauben, das Potential von Muslimen mit Migrationshintergrund à la Sarrazin abzuschreiben. Gerade die vielen Muslime können bei richtiger Weichenstellung durch Familie und Staat einen sehr großen und positiven Beitrag zur demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beitragen. Und zwar viel mehr als noch so viele neu zugereiste Fachkräfte. Warum? Deutsche Muslime sind trotz aller Mängel Bildungsinländer, sie kennen Deutschlands Sitten und Bräuche und ja, sie mögen Deutschland. Vielleicht nicht auf die Art, wie es manche Deutschtümler haben wollen, aber sie fühlen sich hier zuhause und sie sind hier auch zuhause. Sie werden Deutschland auch nicht mal so eben verlassen, wenn es dem Land schlechter geht, so wie es zugereiste Fachkräfte tun würden.

Sarrazin aber macht mit seiner Polarisierung gerade jenen Muslimen und anderen Ausländern, die hier gut ausgebildet werden, den Garaus. Sie möchten irgendwann nicht mehr in einem Land leben, dessen Politiker sie als Untermenschen und Wurzel allen Übels ansehen. Wie kann es sein, dass ein Mann wie Sarrazin, der von genetisch bedingt dummen Menschengruppen spricht, in Deutschland so viel Anklang findet? Wie kann es sein, dass es nun salonfähig ist, über die dummen Muslime und über die intelligenten Juden zu sprechen?

Ist denn niemand wachsam genug zu bemerken, dass die positive Diskriminierung der Juden ebenso verwerflich und antisemitisch ist wie die negative? Wir sollten nicht vergessen, dass “vom Klischee des ‘Schlauen Juden’ ein gerader Weg zu den Begründungen für die Ermordung der europäischen Juden führt” (s. die Besprechung von Gilmans Buch Die schlauen Juden. Über ein dummes Vorurteil hier). Das heisst, wir haben es mit altbekannter und übelster Volksverhetzung zu tun, die verheerende Folgen für die deutsche Gesellschaft hat. Denn was sich da heute gegen Muslime richtet, wird sich später gegen andere Minderheiten richten, da die Argumentation eine rassistische ist. Dann wird auf einmal auch der intelligente Jude nicht mehr positiv sein, sondern wie damals der heimtückische, verschwörerische und die deutschen Werte untergrabende schlaue Jude. Nicht umsonst schlagen deswegen jüdische Gemeinden Alarm (vgl. den Beitrag von Susanne Bressan hier).

Neu angeworbene ausländische Fachkräfte mit internationalem Profil, ob sie nun Muslime sind oder nicht, wandern wegen einer solchen Ausländerfeindlichkeit in andere Länder ab. Das internationale Echo auf Sarrazins Aussagen und Deutschlands Bilanz bei ausländerfeindlichen Übergriffen sprechen ohnehin eine deutliche Sprache.

Deutsche Muslime jedoch werden nicht so leicht abreisen, da sie an dieses Land durch viele Dinge gebunden sind. Und zwar nicht nur durch Harz IV, wie es Sarrazin haben will.

Sarrazin polarisiert und treibt Muslime in eine Ecke, in die sie nicht hingehören. Ich zum Beispiel bin ein genetisch unterbelichtetes Muslimtürkenkind der Unterschicht mit einem Vater, der ungelernter Arbeiter und nicht einmal arbeitslos gemeldet war und einer Hausfraumutter mit Kopftuch, die jeden Tag fünfmal betet. Irgendwie hat es aber doch mit dem Hauptschulabschluss geklappt, in einem Haushalt zusammen mit drei Geschwistern und ohne große Bildungsinitiativen der Eltern. Irgendwie hat es auch danach geklappt, und zwar mit etwas Willen, dem positiven Einfluß einiger Lehrer und der Förderung des Staates.

Sarrazin schafft Deutschland ab durch sein rassendiskriminierendes, auf niedere Instinkte zielendes Spiel mit der Angst (frei nach Treitschke: Die Muslime sind unser Unglück). Selbst wenn er in seiner allmächtigen Herrlichkeit als Gott der Fruchtbarkeit alle paar Jahre auferstünde und seinen reinrassigen Deutschen wieder Lust am Fortpflanzen schenkte, wird er Deutschland sehr viel mehr schaden als nützen.


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